Anläßlich der Vernissage im März 2019 in der Gallerie KUNSTRAUB99 hat Dr. Wolfgang Till Busse, Kunsthistoriker, Köln, die folgende Ansprache gehalten.

Eric Hubbes‘ Gemälde wirken wie Filter oder Siebe eines Bewusstseins Stroms, sie fangen Bild Motive als Treibgut auf einem Gedankenmeer ein und deuten so auch verschiedene Tiefen dieses Gewässers an – vom Unterbewussten und Assoziativen bis hin ins Spekulative und Philosophische.

Der Bewusstseins Strom ist ein psychologisches Phänomen, das man seit Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, literarische zu fixieren.

Wenn sie versuchen, ihren eigenen Gedanken kontinuierlich zu lauschen, werden sie feststellen, dass da ziemliche Unordnung waltet, und dass sich das Gehirn eigentlich wie ein ziemlich sprunghaft knatternder Motor verhält. Erst im Nachhinein, meist, wenn wir etwas anderen Menschen erzählen, fangen wir an, das Chaos durchzubürsten.

Man kann das Gedanken- und Associations Gewitter aber auch als solches akzeptieren und es in seinen Verwirbelungen und Strudeln abbilden.

Berühmte Autoren, die mit dieser Technik arbeiteten, waren James Joyce in seinem Roman Ulysses oder Artur Schindler in diversen durch Sigmund Freud beeinflussten Erzählungen aus dem Wien um 1900. Erzählt wird frei, Intimes erscheint in einem inneren Monolog, ohne Scheuklappen und ohne Zensur. Man versucht, die subjektiven Wahrnehmungen, Gedanken Gefühle einer Figur so wiederzugeben, wie sie ins menschliche Bewusstsein fließen. Kommentarlos wird dieser Bewusstseins Strom als inneres Erleben präsentiert. Der Erzähler als ordnende Kraft zieht sich aus dem Geschehen zurück. Die Surrealisten haben dieses Fliesen aus der Erzählung einer Geschichte in die Poesie und in die Bildende Kunst übertragen: Dass Ich des Künstlers selbst begegnet einem nun in turbulenter Bewegtheit – der dafür geprägte Begriff war „Écriture Automatique“, automatisches Schreiben.

Eric Hubbes Grübelbilder überwuchern in dichter zeichnerischer Faktur die Bildfläche. Sie kombinieren expressiv abstrakte Formen mit realistischen Darstellungen aber auch mit Schrift.

Dieses Wuchern korrespondiert mit der erwähnten Bildfindungstechnik mit der „Écriture Automatique“ , die nach 1945 von den Tachisten und abstrakten Expressionisten weitergetragen wurde.

Rationale Kontrolle wird ausgeschaltet.

Das Arbeiten erfolgt aus dem Bauch.

Das Bild malt sich selbst.

Und es ist Teil des Bewusstseins Stroms, der unterhalb der Gebäude des rationalen Denkens entlang fließt. Dieses „aus dem Leib heraus Malen“ lässt sich in den ausgestellten Gemälden erkennen. Was sieht man nun konkret?

Allen Bildern ist eine zeichnerische Haltung gemein. Obwohl man auf den ersten Blick abstrakt bewegte, leuchtende Farbzonen erkennt, sind in Wirklichkeit doch Gegenstände, Pflanzenformen, Muscheln, Körper und Tierformen und Gesichter sichtbar, die in linearer, zeichnerischer Machart dargestellt werden.

Die Strukturen auf der Bild Oberfläche erinnern an Figuren aus der Mathematik, sogenannte Fraktale. Diese wurden Mitte der 1970er Jahre durch den Mathematiker Benoit Mandelbrot entdeckt. Die geometrischen Muster spiegeln komplexe rechnerische Beziehungen wider, erscheinen auch in der Natur etwa bei Meeres Getier. So genannte mandelbrotmenge oder Julia Mengen sind von spiraliger Beschaffenheit.

Oft besteht ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst.

Fraktale bedecken Teile der Gemälde, werden aber mit figurativen Elementen zusammengefügt. In einer älteren Werkgruppe vor einigen Jahren hat Hubbes Muscheln und Frauen kombiniert.  Diese noch kleinformatigen auf die Verschränkung zweier Dinge gerichteten Werke potenzieren sich hier ins Unendliche.

Hinzu kommen Landschaften und Formen, die der Welt der Fantasyfilme, der Fantasy Comics oder sogar der Tattoo Studios zu entstammen erscheinen. Da gibt es wüstenartige Welten, aus denen Ufos abheben könnten, aber auch Schlangen, die einen mit giftigen großen Augen anstarren.   Eine Schlange verwandelt sich in eine Pistole, die das ganze Bild einnimmt, aber nur auf den zweiten Blick erkennbar ist. Viele der Motive sind Fundstücke aus dem Internet, vor allem die im Obergeschoss gezeigten Bilder, auf denen feixende, schreiende oder in Angst erstarrte Gesichter erscheinen.

Alle Bilder kombinieren mit diesem heterogenen Bildmaterial Schrift in allen möglichen Größen und Letterntypen. Von Großbuchstaben bis zur eleganten Kalligrafie in Grußkartenoptik erzählen die verschiedensten Handschriften wie multiple Persönlichkeiten in einem wortreichen Brainstorming von den Gedankenblitzen während des Arbeitens. Wie die unterschiedlichen visuellen Motive reflektieren auch sie die konkrete Malsituation des Künstlers.

Beim Entstehen der Gemälde läuft der Fernseher oder das Radio, eventuell ist jemand anwesend und man spricht, vielleicht hat der Künstler ein Buch im Kopf, dass er die gerade gelesen hat.  Es läuft vielleicht eine Dokumentation oder Musik im Hintergrund. Die Malereien erzählen eben nicht nur von einem inneren Geschehen, sondern auch von der Umgebungssituation.  Dieser offene Schaffensprozess erinnert an die Arbeitsweise Jean-Michel Basquiats, der in den 1980er Jahren in einem ebenso offenen Verfahren Schrift und Bild kombinierte und – ebenso spontan – die Bilder als Momentaufnahmen seiner Malsituation verstand.

Hubbes verweist auch auf die Picasso, der sagte, er wisse nie wo die Reise hingehe, wenn ihr ein Bild beginne. Sobald die Pinsel auf die Leinwand trifft, beginnt eine abenteuerliche Fahrt. Diese Fahrt kann durchaus kosmische Dimensionen haben, wenn sich auf der Leinwand ganze Weltmodelle oder Urknall Situationen abzulesen scheinen. Oder religiöse Aspekte scheinen auf, wenn Hubbes etwa Gedanken aus dem apokryphen Thomas – Evangelium aufnimmt und abbildet.

Die Technik der Acryl Malerei erlaubt Hubbes eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucks Möglichkeiten. Mit einem feinen Pinsel sind die kleinteiligen kalligraphischen Partien möglich, aber auch im starker Verdünnung aquarellartige Effekte oder großflächig abdeckende Partien. Durch die kurzen Trockenphasen der Acrylfarbe ist es möglich, relativ kurzfristig mehrere Farbe und Schriftschichten übereinander anzulegen. Ab und zu ergänzt Hubbes die schriftlichen Partien seiner Gemälde mit einem Filzschreiber. Ein Sprühfirniss erlaubt es dann, die heterogene Machart zu vereinheitlichen. Das Malen an sich beginnt an verschiedenen Punkten gleichzeitig, folgt aber keinem einheitlichen Plan. Die unterschiedlichen Bildpartien bewegen sich also allmählich aufeinander zu; trocknet eine bestimmte Partie, kann auf der selben Leinwand an einer anderen Partie gearbeitet werden.

Dieses intuitive Wuchern lassen erinnert an Arbeiten des Malers Bernhard Schulze, der in einer ähnlich organisch wachsenden zeichnerischen Technik die Bilder ganz bewusst bewusstlos ohne Plan und Verstand plante -wenn dieses Paradoxon möglich ist. Der Unterschied ist allerdings die Offenheit Hubbes für das Figurative, für den Gegenstand, aber auch für die Sprache.  Dazu kommt die erwähnte Offenheit der Malsituation. Christopher Isherwood schrieb einmal über sich als Autor: „I am a Camera“. Hubbes Bilder wirken wie ein Internet -Livestream aus dem Atelier. Sie sind eine Übertragung aus dem Innern des Künstlers in Hirn und Auge des Betrachters.

Dr. Wolfgang Till Busse

Kunsthistoriker, Köln,

Im März 2019

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